Monday, October 23, 2006

Ich werde sterben!

Oh mein Gott, oh mein Gott, oh mein Gott!
Was habe ich getan?
Ich glaube, ich stürze mich vom Balkon.
Oder vor einen Zug.
Oder in den Hudson River, an einer tiefen und reissenden Stelle.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass James von heute an bloß noch Verachtung für mich übrig hat und mich von seiner Freundesliste streichen wird. Ein gefundenes Fressen für Mr. G am Mittwoch. Oh GOOOOOOOOTT!!! Ich bin sowas von erledigt!

Wie sagt John Hobbes in Fallen?
There are moments which mark your life. Moments when you realize nothing will ever be the same, and time is divided into two parts - before this, and after this.

Dies ist einer dieser Momente. Und ich wünschte, ich könnte ihn rückgängig machen.

Nachdem ich meinen Kaffee mit ihm hatte machte ich mich nochmal auf den Weg in sein Büro, weil ich vorhatte, mich zu entschuldigen. Ich bin nicht gut in sowas, aber ich wußte, ich musste das tun. Irgendwann wird mein Konto sonst gesperrt. (Was es nun ohnehin ist...ich hätte mir diesen Gang besser erspart.)

Ich trat wie immer ohne zu klopfen ein - James saß an seinem Schreibtisch und ordnete ein paar Akten in dringend und kann noch warten, während vor ihm Debbie stand.
"Also, überlegen Sie es sich noch? Ich würde mich freuen. Donnerstag, wenn Sie wollen. Und sagen Sie vorher Bescheid, was sie gerne essen."
In meinem Kopf machte es schon wieder Pling! und ich war irrationalerweise gleich wieder überaus angepißt.
James nickte nur abwesend, er hatte mich noch gar nicht in der Tür bemerkt.
Debbie lächelte, verabschiedete sich mit einem "Also dann" und war überrascht, mich in der Tür stehe zu sehen. "Oh, hallo, Dr. House!", meinte sie im Rausgehen zu mir und lächelte mich liebenswürdig an.
"Sie können mich mal!", entfuhr es mir - ihre Gesichtszüge entgleisten leicht und sie beeilte sich, von mir wegzukommen.

James starrte mich an und ich hob unbehaglich eine Schulter. "Was?"
Er schüttelte den Kopf. "Sag mal, geht's wohl noch?!"
Ich trat drei Schritte weiter in sein Büro hinein. "Ähm....ich ...wollte nur fragen, ob ich noch einen Kaffee bekomme. Und ich wollte mich..."
Weiter kam ich nicht, denn James unterbrach mich.
"Bist du eigentlich von allen guten Geistern verlassen???", brüllte er mich an und ich zuckte zusammen. Er sah ziemlich wütend aus. Und für mich sah es nicht gut aus, würde ich sagen.
"W...was...", stammelte ich mir zurecht, aber James wischte eventuelle Einwände mit einer eindeutigen Handbewegung beiseite.
"Nein, jetzt bin ich mal dran! DU hältst die Schnauze!"
Erschreckt sah ich ihn an, solche Worte hatte ich noch nie von ihm gehört. Zwar hatten wir uns schon oft gestritten, aber beleidigend war bislang immer nur ich geworden.
Er blinzelte kurz, als er meinen Blick bemerkte und atmete tief durch.
"Was um alles in der Welt ist los mit dir? Dieses Wochenende hatte so viele Stimmungsschwankungen wie der ganze letzte Monat nicht!"
Ich schluckte, schwieg und starrte ihn bloß an.
Er biß die Zähne zusammen und schüttelte den Kopf. "Du verhältst dich absolut unmöglich! Und was zum Teufel hat Debbie dir getan?!"
Dabei knallte er die Faust auf den Tisch, dass seine Kaffeetasse hochsprang und ein wenig überschwappte. Ich hob bloß hilflos die Schultern, kaute auf meiner Unterlippe und starrte ihn weiterhin an.
"Jetzt spiel nicht das Kaninchen vorm Dackel!", brüllte er und ballte die Fäuste. "Ich habe verdammt noch mal ein Recht darauf, zu erfahren, was los ist, wenn ich es bin, der ständig deine Launen abbekommt!"

Unwillig blinzelte ich Tränen zurück. Ich fühlte mich wie ausgekotzt und diese Schwäche ärgerte mich mehr als alles andere. Wo waren die sarkastischen Bemerkungen jetzt, wo ich sie am meisten brauchte? Sonst konnte ich doch auch immer alles abkanzeln, herunterspielen und wegwerfen.
"LOS! Maul auf!", herrschte er mich an und ich fragte mich, ob man ihn bis draußen hören konnte.
"Ich...es geht nicht...", brachte ich heraus.
"Sonst geht doch auch immer alles! Sonst bist du ganz groß darin, einem alle möglichen Sachen vor den Kopf zu knallen! Raus damit!"
Mit zitternder Unterlippe sah ich ihn an, unfähig, etwas zu erwidern.
"Das spielst du doch bloß!", meinte James schließlich aufgebracht. "Sag es! Was ist es, dass dich so anfrißt und dich dieses unmögliche Benehmen an den Tag legen lässt? Du bist sonst schon unmöglich, aber das toppt alles!"
Ich trat die drei Schritte, die ich in den Raum gegangen war wieder zurück - rückwärts - und legte meine Hand auf die Türklinke.
"Oh nein", zischte James. "Du haust nicht ab, bevor du es mir nicht gesagt hast!"
Er fixierte mich und nagelte mich mit seinem Blick an der Tür fest.
Ich wandte den Blick ab und stupste den Stock auf den Boden.
"Ich...es ist...weil..."
"Jaaaaaaaaaaaaaa? Du bist doch sonst nicht so um Worte verlegen!"
Ich schloß kurz die Augen. Es hatte so oder so keinen Sinn.
"Es ist weil...Ich liebe dich, James!"

So schnell, wie ich es nie für möglich gehalten hatte, war ich aus seinem Büro raus und in meines gehechtet. Ich schnappte mir meine Tasche und wollte grade aus dem PPTH fliehen, als Cuddy eintrat.
"House? Wollen Sie etwa schon gehen?"
Ich blickte mich erschreckt um. "Ähm...ja...schon..."
"Wie sehen Sie denn aus?", fragte sie mit einem forschenden Blick.
Ich zuckte die Achseln und wollte mich an ihr vorbeidrängeln.
Sie drückte ihre Hand gegen meine Brust und schob mich ins Büro zurück. "Kommt nicht in Frage! Sie werden schon nicht sterbenskrank sein! Hier!"
Damit knallte sie mir eine Akte auf den Tisch. "Das ist wichtig und ich erwarte, dass Sie sich des Falls sofort annehmen."
Ich nickte nur und setzte mich an den Schreibtisch. Ich konnte genausogut noch einen Fall bearbeiten, bevor ich umgebracht wurde.

Es handelte sich um ein anderthalbjähriges Mädchen. Seine Haut wies an Bauch und Thorax seltsam schuppende Ekzeme auf, ebenso in den Kniekehlen, weswegen die Kleine von ihrem Hausarzt auf Neurodermitis behandelt worden war.
Es besserte sich jedoch nichts und nun hatte sie auch noch Fieber, geschwollene Lymphknoten, gesteigerte Atemfrequenz und Husten.
Ich stützte kurz den Kopf in die Hände - er hämmerte wie wild, mein Bein schmerzte und ich hatte einen dicken Stein im Magen liegen. Ich wollte bloß noch weg von hier und hoffte, wie ich noch nie etwas gehofft hatte, James möge glauben, ich säße im Büro und schüttete mich aus vor Lachen, weil ich ihn mal wieder drangekriegt hatte.

Seufzend wandte ich mich zum Whiteboard und rief die Entchen zusammen.
Als sie eintrudelten stand am Board schon Elizabeth Hawkins, 1,5 Jahre alt, schuppende, ekzematoide und seborrhoische Hautinfiltrate an Thorax, Bauch und Kniekehle, Lymphadenopathie, Tachypnoe, Husten.

"Guten Morgen zusammen!", wandte ich mich um und schaute in betroffene Gesichter. Ich zog eine Braue hoch und sah fragend in die Runde.
"Sie sehen...Geht es Ihnen gut?", fragte Cameron schließlich.
Ich nickte bloß. "Sicher...."
Mit besorgtem Blick setzte sie sich, die anderen folgten ihrem Beispiel.
"Also...was habe wir hier?", fragte ich müde.
Chase war erstaunlicherweise der erste, der sich meldete. "Kommt noch Otitis zu dem Symptomen hinzu?"
Er schien es bereits geblickt zu haben.
"Gut!", entgegnete ich bloß. "Da haben Sie Recht, Chase...."
Die anderen schauten noch betroffener. "Sie ist noch so klein...", wisperte Cameron und zog die Stirn in Falten.
"Ja, und deshalb sollten wir sie so schnell wie möglich behandeln!", meinte ich und sah auf. Vor dem Fenster stand Wilson, die Hände in den Kitteltaschen und der Blick unergründlich.
Ich schaute rasch weg und wandte mich an "die rothaarige Psychopathin". "Granger, testen Sie bitte auf Hepatosplenomegalie."
Sie nickte und stand bereits auf. James rührte sich nicht, als sie an ihm vorbeiging.
"Cameron, bevor sie anfängt, aus jeder Pore zu bluten, testen Sie bitte auf Thrombozytopenie..."
Cameron war schon aufgesprungen und hinaus, wo James immer noch stand.
"Chase und Reid, Sie testen auf Granulozytopenie, Foreman und Dorian auf Splenomegalie."
Sie nickten und machten sich auf den Weg. An der Tür drehte Chase sich nochmal um.
"Der Onkologe steht schon auf dem Gang. Sollten wir ihn nicht auch hinzuziehen?"
Ich schüttelte den Kopf. "Noch nicht..."
Damit schloß ich die Tür, zog die Blenden vor und sperrte ab.
Das Telefon stöpselte ich aus und stellte mein Mobile ab.


Nachdem ich eine Stunde so mit dem Kopf auf den Armen am Schreibtisch verbracht hatte, klopfte es vernehmlich.
"Dr. House? Wir sind es...die Tests sind fertig..."
Ich blickte zerknautscht auf und humpelte benommen zur Tür.
"Ähm...tut mir leid, ich war etwas...abgetreten", meinte ich und setzte mich wieder hin.
Abwesend stubste ich mit einem Kugelschreiber auf die Tischplatte und hörte kaum zu.
"House? Haben Sie das gehört?", fragte Foreman schließlich und fasste mich am Arm.
"Wie?" Ich blickte auf und rieb mir über die Augen. "Entschuldigung, ich war nicht bei der Sache."
Chase und Cameron sahen mich besorgt an, Reid und Dorian wussten nicht so recht, was sie davon halten sollten. "Sie sollten nach Hause gehen und eine Runde schlafen", schlug Chase vor.
Ich nickte. "Das werde ich tun. Ich bin dann in ca. zwei Stunden wieder hier..."
"Alle Tests waren positiv", meinte Dr. Reid zaghaft.
"Das habe ich befürchtet. Foreman, könnten Sie Wilson hinzuziehen? Er sollte auf multifokale bzw. unifokale Tumore aus erosiv expandierenden und mehrkernigen Langerhans-Zellen testen...Und auf Eosinophile, Neutrophile, Lymphozyte und Plasmazellen."
"Okay", nickte dieser und ich nahm meine Tasche.
"Gut, dann bis später..."

Auf dem Gang blickte ich mich verstohlen um, ob Wilson auch nicht in der Nähe war und machte mich dann so schnell es ging auf den Weg zum Parkhaus.

Jetzt sitze ich hier zu Hause und kann immer noch nicht fassen, was ich da von mir gegeben habe. Ich hoffe, ich kann ihn überzeugen, es sei alles ein dummer Witz gewesen.
Jetzt werde ich mich erstmal eine Stunde hinlegen und danach zurück ins PPTH fahren. Ich fühle mich, als hätte ich 48 Stunden durchgearbeitet.

1 Comments:

Anonymous tessa said...

WOW! Und jetzt?

October 23, 2006  

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