Friday, October 20, 2006

Wilson ist zurück

Endlich habe ich eine Antwort erhalten. Sie besteht nur aus einem knappen 'OK', aber immerhin eine Antwort und keine Briefbombe.
Bevor ich losfuhr, habe ich mir eine weitere Lexapro eingeworfen, dazu eine Vicodin und mir dann ein wenig Mut eingeredet.
Auf der Fahrt wurde ich ein wenig leicht in den Armen, aber es ging mir besser.
Mein Mut sank erst wieder, als ich in Wilson's Einfahrt parkte und zur Tür humpelte.
Zögerlich klingelte ich mit dem Griff meines Stocks und überlegte kurz, gleich wieder wegzulaufen. Aber mit meinem Hinken wäre ich wohl nicht weit gekommen.

Es dauerte ein Weilchen, bis er öffnete und ich dachte schon, er würde mich vor der Tür stehen lassen und war gerade dabei, mich umzuwenden, als die Tür schließlich aufging. Betreten sah ich ihn an - er sah ziemlich verheult aus und hatte offensichtlich auch Probleme mit seinem Fuß. Was Wunder nach einer Nacht im Wohnzimmer... Immerhin war er nicht mehr im Schlafanzug, aber ich konnte ihm kaum in die Augen sehen. Zum Teil, weil ich nicht wollte dass er meine erweiterten Pupillen wahrnahm, aber hauptsächlich, weil ich mich so schuldig fühlte.
Zusätzlich fiel mir noch der Zettel in seinem Büro ein und ich verfluchte mich dafür, ihn nicht weggeworfen zu haben.
So standen wir uns in der Tür gegenüber, schwiegen uns an, ich klopfte mit dem Stock auf den Boden und sah ihn ab und an von unten herauf an. Dabei bemerkte ich, dass er selber auch ziemlich abgetreten aussah - wahrscheinlich hatte er den Vicodin zugesprochen. Ich konnte es ihm nicht verdenken.
Schließlich räusperte ich mich und brachte ein "Wollen wir?" heraus.
James nickte, trat heraus und schloß die Tür.
Immer noch schweigend gingen wir zu meinem Auto und ebenso schweigend fuhren wir zu mir nach Hause.
Verdammt, warum ist es bloß so schwer, sich zu entschuldigen? Ich versuchte ein paar Mal zu beginnen, verschluckte die Worte aber gleich wieder.
Auch James sah mich einige Male von der Seite her an, sagte aber kein Wort.
Deprimierend, so ein Schweigen hatten wir noch nie.
Sicher hatten wir uns schon oft gestritten, das bleibt bei mir einfach nicht aus. Aber meist haben wir mit einem blöden Kommentar alles wieder wettgemacht.
Heute scheint das nicht zu klappen und ich habe Angst, etwas sehr Wertvolles zerbrochen oder zumindest angeknackst zu haben.

Wortlos gingen wir ins Haus und als Wilson mich dann ansah und endlich den Mund öffnete, kündigte er bloß an, er müsse sich kurz hinlegen und humpelte mit einer Krücke in mein Schlafzimmer. Ich schickte ein kurzes Stoßgebet gen Himmel, mein vollgeheultes Kissen möge getrocknet sein und setzte Kaffee auf.

Dann ließ ich mich aufs Sofa fallen und verfluchte die Lexapro, die einen Scheißdreck zu helfen schienen, außer meine Arme in ein schwebendes Gefühl zu versetzen. Ich hatte allerdings auch Angst, dass meine Gedanken wieder das Kreiseln begannen und fuhr kurzentschlossen in die Mall, um einzukaufen.

Jetzt bin ich zurück, mit Lachsfilet, grünen Bandnudeln, Crème Fraîche und anderen Leckereien und werde versuchen, gleich ein Entschuldigungsessen hinzubekommen. Ich habe zwar einen guten Weißwein dazu besorggt, weiß aber noch nicht, ob das bei unser beider Medikamentenkonsum heute das richtige wäre.
Wir werden sehen.
Vielleicht möchte James auch gar nicht mit mir essen und fährt lieber wieder heim.

Eben saß ich kurz bei ihm am Bett und habe ihm alles mögliche erzählt, aber er hat tief und fest geschlafen.

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